Der Musiker grandson ist bereits seit 2015 für seine gesellschaftskritischen Werke bekannt. Seinen Durchbruch erlangte er unter Anderem durch den Release des Songs "Blood // Water" in 2017, der sich mit den Folgen ungehemmter Gier auseinandersetzt. "Blood // Water" wurde für das EA-Spiel NHL 19 zum offiziellen Soundtrack. Leider eine ironische Kombination, nachdem EA in 2025 einen Großteil seiner Anteile an das saudi-arabische Regime verkauft hat.
Mittlerweile hat grandson auf Spotify fast vier Millionen Streams im Monat und tourt dieses Jahr durch Europa.
Vergleicht man das neueste Studioalbum "INERTIA" mit dem Debütalbum "Death Of an Optimist", kann man inhaltlich viele Parallelen feststellen. Kapitalismuskritik, eine klare Haltung gegen Rassismus und der Widerstand gegen ein korruptes System bilden den Grundton für beide Veröffentlichungen. Der erschreckende Unterschied:
Während das Album in der ersten Amtszeit Donald Trumps Lyrics wie "The rich get richer and the sick get sicker" und "Lie about some greater good/When you ship me off to war" enthält, wirkt es fast mild, wenn man die Texte und den Klang von INERTIA aus 2025 gegenüberstellt. Die Schlagkraft des Albums wird durch die Betrachtung einiger Titel besonders greifbar.
In BURY YOU setzt grandson den Tenor mit erbarmungslosen Gitarrenriffs. Der Song richtet sich an Autoritäten wie Politiker:innen, die auf einer musikalischen Hetzjagd mit ihren Lügen konfrontiert werden. Im Refrain verheißt grandson, dass das lyrische Du bzw. Ihr von den eigenen Fehltritten begraben werden wird.
Es gibt eine Stelle, die mir besonders im Gedächtnis geblieben ist. "Power didn't change you/It made you more of what you are" bricht den letzten Fuchsbau auf, in dem sich das Du verstecken konnte. Es kann hier die Verantwortung nicht länger von sich schieben und wird von seinen Taten eingeholt.
Betrachtet man BURY YOU aus der Sicht des lyrischen Ichs, verleiht es trotz der düsteren Aufmachung ein Gefühl der Hoffnung im Angesicht der derzeitigen Machtlosigkeit. Das Lied verdeutlicht, wie Widerstand etwas bewirken kann.
Aber die Jagd geht in AUTONOMOUS DELIVERY ROBOT ohne Pause weiter. "And my digital footprint follows me/So I can never outrun the autonomous delivery robot" fasst das Statement des gesamten Songs zusammen. Das Internet sei keine Demokratie mehr, es werde als Machtinstrument ausgenutzt.
"Customized, pink-washed, green-washed, screen-washed" ist ein Abschnitt, über den ich mir den Kopf zerbreche. Screenwash bezieht sich normalerweise auf das Scheibenputzen, kann in diesem Kontext aber ganz anders gelesen werden. Wenn man es buchstäblich nimmt, haften die Augen so am Bildschirm, dass sie manuell befeuchtet werden müssen. Oder man setzt es mit Brainwashing gleich. Unter Umständen kann man screenwashed insofern interpretieren, dass Inhalte in Wellen über den Bildschirm gespült werden. Ein anderer Ansatz ist der Vergleich mit dem Greenwashing, bei dem Produkte wegen ihrer angeblichen Nachhaltigkeit angepriesen werden, bei Screenwashing vielleicht wegen ihrer angeblichen Datenschutzkonformität oder Notwendigkeit im Alltag.
Bevor man das herausfinden kann, beginnt bereits BRAINROT mit trügerischem Flüstergesang. Als logische Konsequenz aus dem Vorgängersong wird die Eskalation von digitaler Abstumpfung besungen. Man sähe Menschen online sterben und konzentriere sich auf sinnlosen Konsum in Zeiten von Korruption und Krieg.
Doch BRAINROT jagt mir nicht nur als mein Lieblingssong des Albums Gänsehaut über den Rücken.
Die Zeile „Watch the cops shoot the wrong girl in her own apartment“ wird mit jedem Fall von Polizeigewalt in den USA ein Stück realer.
BURY YOU und BRAINROT ergänzen sich gegenseitig: Die Selbstjustiz als letztes Mittel auf der einen Seite, das Aufgeben auf der anderen.
Trost bietet grandson mit LITTLE WHITE LIES, das zum Widerstand gegen menschenfeindliche Ideologien aufruft und die Hörerschaft in ein geistiges Mosh Pit voller Gleichgesinnter katapultiert.
Dem Musiker ist es im Album INERTIA zweifellos gelungen, die Verzweiflung der US-amerikanischen Bevölkerung und der hilflos zusehenden Welt darzustellen, ohne sie damit allein zu lassen.
Redaktion: Siento Wege
Bild: Albumcover INERTIA von grandson im Rahmen des Zitatrechts
Quellen:
https://www.imdb.com/de/title/tt9346454/soundtrack/?reasonForLanguagePrompt=browser_header_mismatch (abgerufen 13.01., 11:15)
https://www.br.de/nachrichten/netzwelt/ea-verkauft-saudi-arabien-steigt-bei-spiele-riesen-ein,UyH4ixa (abgerufen 13.01., 11:35)
https://www.auswaertiges-amt.de/de/service/laender/saudiarabien-node/portrait-202616 (abgerufen 13.01., 11:38)
https://www.morecore.de/band/grandson/ (abgerufen 13.01., 11:40)
https://grandsonmusic.com (abgerufen 13.01., 11:41)
https://open.spotify.com/intl-de/artist/4ZgQDCtRqZlhLswVS6MHN4 (abgerufen 13.01., 11:46)
