Es ist 2005. Musik gibt es von selbstgebrannten CDs, aus dem Radio oder auf Viva und MTV. Neue Artists entdeckt man nur über den Austausch von CDs, über MySpace oder das Musikfernsehen.
Doch 2005 markiert auch den Beginn einiger Projekte, die die Musikszene nachhaltig prägen werden. Dazu zählt natürlich YouTube, das einen internationalen Einfluss auf die Popkultur haben wird. In diese Zeit fällt auch die Gründung von SAARLAND UNDERGROUND, gestartet von damaligen Studenten mit Vorliebe für härtere Genres: Gregor Theado und Bernhard Lorig.
Zeitweise unterstützt von ihrem Studienfreund Christoph tragen sie das Projekt in der ersten
Phase jedoch alleine. Sie wollen jährlich einen regionalen Sampler rausbringen. So vereinen sie regionale Rock- und Metalbands unter einem Dach, beziehungsweise auf einer CD.
“Es waren einfach drei Musikverrückte, die wollten irgendwas machen. Wir wollen
fördern und wir haben das Gefühl, wir können das positiv beeinflussen.” (Bernhard
Lorig)
Entstanden aus einer spontanen Idee hätte damals wohl niemand erwartet, welchen Stellenwert SAARLAND UNDERGROUND zwanzig Jahre später haben würde. Webforen und MySpace wichen Instagram und TikTok. CDs wurden zu Playlists, und qualitative Aufnahmen sind heute auch für Newcomer leichter zugänglich als je zuvor. 2005 bot SAARLAND UNDERGROUND vielen regionalen Bands eine seltene Chance, ihre Musik einem größeren Publikum zugänglich zu machen: Aufnahmekosten im Studio waren teuer und nicht jeder konnte sich eine eigene Veröffentlichung leisten. In Bernhards Worten: “Viele haben gestrugglet, weil sie immer jemanden gebraucht haben.” Der gemeinsame Sampler war niedrigschwellig und für einen kleinen finanziellen Beitrag konnte jeder diese Chance nutzen.
Unter der Woche saßen sie im Hörsaal, am Wochenende vor dem PC. “Was herausfordernd war, war natürlich die Vervielfältigung. Wir haben keine Kohle gehabt [...] Dann hieß das in den Aldi gehen, zwei Mal 200er Rohlinge kaufen und dann daheim loslegen”, erinnert sich Gregor. Der gesamte Prozess dauerte seine Zeit: “Ich habe irgendwas gezockt, geschrieben oder für die Uni gelernt [...] und dann in der Stunde in etwa vier CDs gebrannt.”
Die ersten Grafiken waren selbst aufgenommen. Das erste Cover so schlicht “ein Feuer von einem Grillabend an den Bübinger Saarwiesen [...] Und diesen Totenschädel, den hab ich einfach selbst so gezeichnet.” Bernhard ergänzt: “Das Cover haben wir dann durch den Drucker gejagt und zurechtgeschnitten mit so Plastikhüllen und dann war es das.” Der erste Sampler war geboren.
Mit dabei auf der ersten Edition waren auch die Gründer: Bernhard als Teil seiner damaligen Band Icon und Gregor als Berserk Inc. und Gastsänger bei Affliction. “Jeder hat in seinem Bekanntenkreis rumgefragt, dann haben wir irgendwie Kontakte gesammelt und verschickt”, veranschaulicht Gregor den Ablauf. Der Rest fand sich über das Saar Metal Forum, eine Online-Community, über die sich regionale Bands enger vernetzten. Später war es vor allem Bernhard, der andere Bands kontaktierte. Netzwerken lief in einer damals sehr aktiven
Szene anders ab als heute. Er erinnert sich gerne daran: „Es war geil, denn es gab wirklich viele Konzerte und diese waren auch fast alle gut besucht. Mit Icon haben wir damals gesagt, wenn wir spielen wissen wir, da kommen mindestens hundert Leute. Das war völlig selbstverständlich.” Später habe sich dies verändert. “Irgendwann gab es keine Szene mehr. Da kann man jetzt sich fragen, an was das liegt und dann würde ich einmal sagen, das [...] Saar Metal Forum war weg, es gab keinen Austauschort mehr. Als das weggebrochen ist, ist auch ein riesengroßes Stück von der Szene weggebrochen.”
“Wir machen das alles ja einfach so aus Spaß an der Freude für die Szene.” (Laura)
Einen Teil der früheren Community-Arbeit übernimmt auch heute das Team von SAARLAND UNDERGROUND. Mit dabei ist Laura, die heute in ganz Deutschland von Event zu Event tourt.
“Es gab selten eine Person in diesem "SAARLAND UNDERGROUND"-Kosmos, die so wichtig war wie Laura. Die immer schon extrem aktiv in der Szene war und im Englischen würde man sagen ‘she cares’”, fasst es Bernhard zusammen. Und Gregor unterstreicht: “Seitdem ich Laura im Team habe, bin ich deutlich entspannter.”
“Ich finde es eigentlich immer ganz cool, wenn man sich irgendwie in der Szene engagieren kann”, so Laura selbst. Und: "Wir haben im Saarland eine sehr aktive Szene.” Teil des Projekts ist sie zwar erst seit 2023, aber nimmt inzwischen eine zentrale Rolle ein. Gemeinsam mit Gregor hat sie unter anderem die Booklets entwickelt, die nun die beteiligten Bands und ihre Songs vorstellen. Außerdem betreut sie den Instagram-Account, repräsentiert das Projekt auf Events und war maßgeblich in die Organisation des Festivals zum zwanzigjährigen Jubiläum eingebunden. “Es war eine super Veranstaltung. Also ich war noch anfangs skeptisch, weil im Moment ist das Thema Vorverkauf eine große Sache. Es ist alles teuer geworden. Man weiß halt auch nicht, klappt’s an dem Tag? Dann war natürlich auch noch Winter und Erkältungszeit und nachher war die Hütte trotzdem komplett voll.”
Eine weitere Ergänzung ist Celin. Damals noch im Studium, kam sie 2022 durch ein Praktikum zu AMM, wo sie seitdem Redakteurin für das Webmagazin GEMS ‘n’ ROLL ist.
“Es hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich nach dem Ende meines Praktikums damit weitergemacht habe.” Über die redaktionelle Arbeit hinaus war Celin etwa an der Erstellung der Booklets für Saarland Underground beteiligt. "Ich höre seit ich etwa 12 Jahre alt bin Metal. Ich finde es absolut bewundernswert, dass Leute in ihrer Freizeit ein solches Projekt am Leben erhalten. Der Sampler ist ja auch außerhalb des Saarlandes bekannt."
“Was es für mich besonders macht, ist die Person Gregor” (Bernhard Lorig)
All das war nie selbstverständlich, wie auch Bernhard betont. Mit dem Wegbrechen des Saar Metal Forums “lief dann plötzlich nur noch sehr, sehr wenig und da gab es dann Saarland Underground schon eine Weile. Aber dass Gregor das in der Zeit weitergeführt hat, war echt wichtig. [Das] ist also vielleicht einer der wichtigsten Aspekte für die Rock- und Metalszene im Saarland, dass es da so eine Konstante gibt.”
Dies führte auch zu einer Kooperation mit dem AStA an der Universität des Saarlandes, wodurch über drei Jahre Saarland Underground “Student Specials” in den Ersti-Tüten landeten.
“Das hat schon dem Ganzen einen Push gegeben über die Metalszene hinaus”, so
Gregor dazu. “Ganz oft mache ich am Anfang Sachen, weil ich sie gut finde und weil ich feststelle, dass es noch kein anderer getan hat oder dass es kein anderer macht.” Auch wenn heute ein großer Teil der täglichen Organisation bei Laura liegt, bleibt Gregor dem Projekt eng verbunden. Indem er beispielsweise weiterhin Layout und Cover sponsert, bleiben die Kosten für alle teilnehmenden Künstler geringer.
“Da merkst du halt einfach das Projekt lebt so über dich selbst hinaus. Andere Menschen reden darüber und [...] finden dadurch zusammen.” Das betrifft bei Saarland Underground nicht nur die Fans, sondern auch die Bands untereinander. “Wir wollten einmal, dass man weiß, was spielt hier einfach so [...] aber es ging vor allem darum, dass wir als Musiker selbst nicht wussten, wer 5 Kilometer weiter im Proberaum steht und spielt.”
Dieser Grundgedanke bleibt bis heute ein Kern des Projekts. Die Szene hat sich verändert, ebenso haben es Distributionswege: CDs sind eine Ausnahme geworden und neue Bands präsentieren sich heute vor allem über Streamingdienste und soziale Medien. Doch die ursprüngliche Idee hinter Saarland Underground ist geblieben: Menschen zusammenzubringen und der regionalen Musikszene eine Plattform zu geben. Was einst mit gebrannten Rohlingen, selbst gestalteten Covern und viel Idealismus begann, ist heute zu einer festen Größe der saarländischen Rock- und Metalszene geworden. Viel spricht somit dafür, dass dies nicht der letzte runde Geburtstag war.
Redaktion: Nami Seewald
Korrektur: Siento Wege
